45 YEARS / Film / interview

INTERVIEW MIT ANDREW HAIGH

Wie ist die Idee entstanden, auf der Basis der Kurzgeschichte „In Another Country“ von David Constantine den Spielfilm 45 YEARS zu machen?

Mich hat diese Geschichte einer Beziehung, die an einer späten Hürde ins Straucheln gerät, sehr bewegt, es gibt da etwas Herzzerreißendes darin. Es kam mir vor, als hätte dieser Ruf aus der Vergangenheit, dieser im Eis konservierte Körper, auf seinen Moment gewartet, um die Ordnung durcheinander zu bringen, um ein sehr leises, inneres Chaos zu schaffen. Durch die Risse im Gletscher steigen die Zweifel und Ängste nach oben, die über die Jahre ungesagten Dinge, die unterdrückten und versteckten Gefühle: Als würde die Beziehung zwischen Kate und Geoff durch diese tote Frau grundsätzlich in Frage gestellt.

Wie sind Sie bei der Adaption vorgegangen?

Die Kurzgeschichte von David Constantine ist wunderschön in ihrer Klarheit und Präzision, aber für die Adaption musste ich sie ausbauen. Im Film ist zum Beispiel die Feier des Hochzeitstags am Schluss dazugekommen. Die größte Veränderung besteht darin, dass ich das Alter der Protagonisten von Mitte achtzig auf Ende sechzig, Anfang siebzig verändert habe. Ich wollte, dass die Geschichte von Kate und Geoff in der Gegenwart angesiedelt ist, dass sie nicht als Geschichte einer vergangenen Generation wahrgenommen wird – bei Constantine ist die Geschichte in den 90er Jahren angesiedelt, und die Vorgeschichte entsprechend während des Zweiten Weltkriegs. Mir ging es darum, eine Geschichte über Entscheidungen zu erzählen, die für uns heute von Belang sind. Eine weitere grundlegende Änderung besteht darin, dass ich mich dafür entschieden habe, die Geschichte ausschließlich aus Kates Perspektive zu erzählen.

Nach Ihrem letzten Film WEEKEND überrascht das Setting von 45 YEARS, eine langjährige Ehe zwischen Mann und Frau. Dennoch scheinen die beiden Filme auf eine tiefe, innere Art verbunden ...

Sicherlich gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Filmen. Beide beschäftigen sich mit der Komplexität der Vertrautheit zwischen zwei Menschen, den Risiken, die entstehen, wenn man sich einem anderen Menschen gegenüber emotional offenbart, der Schwierigkeit, zu seinen Zweifeln und Ängsten zu stehen. Es hat mich immer fasziniert, was unsere Liebesbeziehungen darüber verraten, wer wir sind und wie wir von der Welt gesehen werden wollen. Ich denke, es ist für uns alle schwer, offen unsere Gefühle zu zeigen, weil wir sie selbst oft gar nicht verstehen. Wir empfinden, wir fühlen, aber es ist schwierig, Gefühle zu benennen und zu beschreiben. Und wenn man seine innersten Gefühle preisgibt, fühlt sich das immer wie ein Risiko an.

Sie haben in 45 YEARS mit zwei Schauspielerlegenden zusammengearbeitet, mit Charlotte Rampling und Tom Courtenay. Wie war diese Erfahrung für Sie?

Charlotte Rampling ist eine unglaublich intelligente Schauspielerin. Sie weiß, was wahrhaftig ist und was nicht. Das ist auf der Leinwand zu sehen. Unter der Oberfläche, hinter ihren Augen tobt ein Orkan von Gefühlen. Sie lädt uns zur Beobachtung ein und fordert uns gleichzeitig dazu auf, eine Distanz zu wahren. Für mich fühlt sich das unglaublich wahrhaftig an. Es geht um Dinge, die da sind, die wichtig sind, die wir aber vielleicht für uns behalten sollten.

Bei Tom Courtenay und seinem Spiel gibt es eine faszinierende Verletzlichkeit. Ich wollte auf keinen Fall einen Mann, der gegen die Welt wütet, ich wollte etwas Komplexeres, Sensibleres. Geoff ist jemand, der mit seinem Selbstbild kämpft. Tom spielt einen Menschen, der versucht, etwas zu verstehen.

Bei Charlotte Rampling und Tom Courtenay schwingt ihre Vorgeschichte als Ikonen der 60er Jahre mit, dazu kommt die Popmusik der 60er Jahre, die Sie im Film verwenden. War das eine bewusste Entscheidung, um den Geist einer vergangenen, auch rebellischen Epoche spürbar zu machen?

Ich wollte, dass die Vorgeschichte der Protagonisten in einer subtilen Art und Weise spürbar wird. Es geht im Film auch um die Zuversicht dieser Epoche – und das Potential, das wir in jungen Jahren haben. Dass man Charlotte und Tom als junge Menschen kennt und erinnert, war dafür sehr hilfreich. Es liegt eine gewisse Melancholie darin, und dieses Gefühl interessiert mich sehr. Ich denke oft, dass es bei der Melancholie, die wir angesichts der Vergangenheit empfinden, eher um die Enttäuschungen und das Versagen in der Gegenwart geht.

Die Beziehung von Kate und Geoff, die Sie in 45 YEARS zeigen, fühlt sich noch in den kleinsten Beiläufigkeiten authentisch an. Gleichzeitig sehen wir ein ungewöhnliches Portrait älterer Menschen: Beide scheinen noch mitten in ihrer Entwicklung als Menschen zu stecken.

Ich glaube nicht, dass Menschen aufhören, nach Antworten zu suchen, nur weil sie älter werden. Es gibt diese Annahme, dass wir, sobald wir die Dreißig überschritten haben, verstanden hätten, wer wir sind. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Leben für die meisten von uns nicht so funktioniert. Wir verändern uns andauernd, unsere Persönlichkeiten entwickeln sich, und wir fragen immer weiter. Jedenfalls sollte das so sein...

Kate ist in ihrer Rationalität und gleichzeitig dem „Orkan der Gefühle“, von dem Sie gesprochen haben, ein ambivalenter Charakter...

Ich empfinde eine große Empathie mit Kate. Sicherlich sind viele ihrer Gefühle irrational, und sie selbst ist sich dessen bewusst. Aber diese Gefühle sind Ausdruck von etwas, das tiefer geht und das sie irritiert: Als hätte die Tatsache, dass Kate sich so auf ihre Beziehung fokussiert hat, eine Lähmung ausgelöst, die sie nicht überwinden kann. Sie fühlt sich zurückgewiesen, sie ist eifersüchtig, sie stellt den Sinn ihres Lebens in Frage. Es ist, als hätte plötzlich alles, was sie über die Jahre aufgebaut hat, seine Bedeutung verloren, als ei etwas zerbrochen. Und sie ist sich nicht sicher, ob sie die Teile wieder zusammensetzen kann.

Die Spaziergänge in den Broads von Norfolk, Landschaft und Natur spielen fast beiläufig eine wichtige Rolle in Ihrem Film. Reflektiert sich da, was die Protagonisten erleben, das Geheimnis, die Existenz verschwundener, vergessener Dinge und Ereignisse?

Was in unserer Vergangenheit passiert und unter der Oberfläche verborgen ist, wird auf eine bestimmte Art und Weise immer bleiben und bestehen. Ich meine damit nicht nur die großen Dinge, die dramatischen Ereignisse in unserem Leben, sondern auch die alltäglichen Details, die unsere Existenz ausmachen und die wir oft ignorieren. Wir versuchen, ganz in der Gegenwart zu leben, aber das ist nicht einfach. Der Dachboden über unserem Schlafzimmer wird immer voller und voller – bis alles auf uns einstürzt und wir mitten im Chaos sind.

In Norfolk zu drehen, war ein sehr wesentlicher Teil der Geschichte für mich, die Location war von Anfang an im Drehbuch festgelegt. Norfolk hat eine faszinierende Landschaft mit weiten, flachen Feldern unter einem eindrucksvollen Himmel mit wechselnden Stimmungen, die für die Geschichte sehr gut passte. Die Landschaft gab ihr dieses Gefühl der Abgeschiedenheit, die sie brauchte. Ich mochte auch gerne, dass die Vorgeschichte aus der Vergangenheit, die ans Licht kommt, mitten in den Schweizer Bergen spielt, mit ihren dramatischen Gipfeln und Gletschern. Das schuf einen wunderbaren Kontrast zur Gegenwart der Geschichte, der flachen Landschaft, wo man aus dem Fenster schaut und nichts als Horizont sieht. Es war wie eine Reflexion der Leidenschaft und der Aufregung der Jugend im Vergleich zu der Gewöhnlichkeit und Alltäglichkeit des tatsächlich gelebten Lebens.

Der Film ist sehr ruhig und leise erzählt, und doch werden die Gefühle in ihrer ganzen Dramatik spürbar. Können Sie uns etwas über Ihre ästhetischen Entscheidungen sagen?

Der Film sollte leise und ruhig sein, von Anfang an, das war mir sehr wichtig. Es geht nicht um ein Trauma, das plötzlich mit aller Gewalt aufbricht, sondern um kleine Dinge, um Optionen und Entscheidungen, um Gefühle, die unter Verschluss gehalten werden, um Dinge, die wir nur schwer artikulieren können – all die Ängste und Zweifel, die sich in den schmalen Spalten und Rissen verstecken. Ich glaube manchmal, dass wir immer mehr versuchen, nicht zu viel Druck auf diese Bruchlinien auszuüben: damit sich die Erde nicht öffnet und uns ganz verschlingt.

Was bedeutete das für die Kameraarbeit, für die visuelle Umsetzung?

Für mich sind diese frühen Entscheidungen, wie ein Film aussehen soll, vital. Wir wollten, dass die Kamera objektiv bleibt, dass sie zusieht und beobachtet, aber sich gleichzeitig nah anfühlt, dass sie in diese Intimität hineinwächst, die wir im Verlauf des Films mehr und mehr erleben. Wir wussten, dass wir lange Einstellungen wollten, ohne Schnitte. Das bedeutete, dass wir die Einstellungen sehr sorgfältig geplant haben, die Positionen, die Perspektiven, die Kamerabewegungen. Wir entschieden uns, mehr mit Zooms zu arbeiten als mit Kamerafahrten und Dollies. Ich mag den Zoom sehr, sich heranzutasten, langsam näher zu kommen. Es fühlt sich für mich organischer an als eine Dolly-Fahrt. Ich mag die Art, wie es einen in die Geschichte zieht, zu den Gesichtern. Eine weitere wichtige Entscheidung bestand darin, auf Film statt digital zu drehen und mit sehr naturalistischem Licht zu arbeiten. Ich wollte, dass die Bilder eine Weichheit haben, eine Empfindlichkeit. Es ging auch darum zu versuchen, dass sich der Film authentisch und wirklich anfühlt.

Sie erzählen 45 YEARS sehr stark über Details, Gesten, Blicke.

Es war wichtig, dass die Geschichte behutsam erzählt wird, dass jede Wendung ein kleines bisschen mehr über die Figuren, über die Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart erzählt. Es ist mir immer wichtig, bei allen meinen Filmen, dass die Bedeutung und Wichtigkeit der kleinen Details sichtbar wird, weil es diese Sehr viele dieser Dinge und Momente standen schon im Drehbuch, und mit den Schauspielern ging es dann darum, das weiter zu entwickeln, Details zu finden, die eine größere, tiefere Geschichte erzählen. Und es war mir wichtig, dass nicht alles erklärt und ausgeführt ist. Es geht darum, einiges auch der Vorstellung der Zuschauer zu überlassen, damit es ihnen möglich ist, etwas für sich mitzunehmen.

War das Ende von 45 YEARS immer als offenes Ende gedacht?

Ja, das war von Anfang an so gedacht. Es sollte befriedigend, aber nicht eindeutig sein. Ich wollte, dass sich die Zuschauer fragen, was sie selbst in so einer Situation tun würden. Würden sie bleiben? Würden sie gehen? Denken sie, dass sie in der Lage wären, all das zu vergessen, was geschehen ist? Ich denke, es ist entscheidend, das Publikum emotional Anteil nehmen zu lassen, und das bedeutet, dass es manchmal wichtiger ist etwas zurückzuhalten als es zu erklären.